David Harvey ist irgendwie auch ein bisschen ein Verschwörungstheoretiker. Er klingt zumindest ähnlich.

Im Rahmen eines Projekts sollte ich eigentlich David Harvey gelesen haben, habe das aber in den letzten zwei Wochen in denen ich ohne die Wochenenden auskommen musste, nicht geschafft. Jetzt schaffe ich gerade noch ein bisschen über Harvey quer zu lesen. Zum Beispiel ein Interview in SPON.

Harvey behauptet darin, dass Städte für die Oberschicht gebaut werden. Er begründet dies mit der Bilbao-isierung der Metropolen dieser Welt und unterstellt dass vorwiegend durch diese Aktivitäten Städte teurer werden.

Ich möchte dagegen halten, dass man es nicht so einfach machen kann. Zum einen haben derartige Projekte sicher Auswirkung auf die städtischen Kassen, was aber nicht bedeutet, dass diese durch höhere Steuern oder ähnliches gefüllt werden und dadurch Stadt teurer wird. Wohl kann man aber behaupten, dass Städte dadurch attraktiver werden. Aber wo sorgt man sonst dafür dass Hochkultur gepflegt wird? Natürlich kann man an dieser Stelle ansetzen und fragen wieviel Hochkultur kann, muss und sollte sich eine Stadt leisten?

Grundsätzlich sind Städte für eine gewisse Klasse – für die kreative – attraktiver als andere Lebensorte, einfach dadurch dass mehr gleichgesinnte auf einem Fleck leben. Wir leben in einer Zeit – und in einer Wirtschaftsform – die von eben jener kreativen Klasse geprägt ist: Gerade in der westlichen Welt bricht das ökonomische System nur nicht zusammen, weil wir uns in einem sich stetig beschleunigenden Innovationszyklus befinden. Und diesen können wir nur aufrecht erhalten, wenn wir unsere kreative Klasse bei Laune und in Produktion halten. Klar, da kann man wieder fragen, ob das was diese “Eliten” uns bieten so hoch schätzen – also für so wichtig erachten – dass wir es jenen zumuten die nicht dazu gehören für die bilbao-ischen Infrastrukturen aufzukommen. Und das ist einfach eine politische Entscheidung.

Richtig, man könnte auch ohne Bilbaoisierung lebenswerte Städte haben, aber die Frage ist ob das auch klappt, wenn die einen da mitmachen und die anderen nicht. Der “real existierende Sozialismus” ist sehr wahrscheinlich daran gescheitert, dass die demokratische Teilhabe ungenügend war, aber ich glaube ein entscheidender Faktor war auch, dass man gesehen hat was andernorts – im anderen System – zumindest theoretisch erreichbar war. Und ich glaube auch die Harvey’schen Aussagen müssen das bedenken: Es lastet nunmal ein gewisser Marktdruck auf den Städten und in irgend einer Form muss eine Stadt da mit machen. Innovation ist zur Zeit allüberall nötig.

Die Alternative wären vernünftige regionale Wirtschaftskreisläufe. Das würde auch funktionieren. Nur müssten wir dann unsere Innovationserwartung zurückschrauben und akzeptieren, dass sich unsere wirtschaftliche Entwicklung deutlich verlangsamt. Meiner Meinung nach, wäre das aber der Inbegriff der Gerechtigkeit. Weil dann hätten Schwellen- und Entwicklungsländer auch die Chance aufzuholen und die Zeit nachhaltiges Wirtschaften und demoklratische wie soziale Standards zu etablieren. Denn unsere welt-wirtschaftliche macht beruht ausschließlich auf Ungerechtigkeit. Aber das ist eine globale Problematik die durch den Verzicht auf Hochkultur in den Städten der westlichen Welt nicht unbedingt zu erreichen ist. Das bedürfte eines groß angelegten systemischen Ansatzes und des bewussten Niedergangs vorherrschender Wirtschaftsstrukturen.

Harvey behauptet konkret, dass Städte wirtschaftstheoretisch betrachtet Monopolisten sind und impliziert damit – so mein Verständnis -, dass diese besonders reglementiert werden sollten. Denn Ziel eines Marxisten ist nunmal die Umwälzung des Kapitals von Reich nach Arm. Das unterstütze das ja grundsätzlich auch, nur messe ich vorgenannten Aspekten größere Bedeutung bei: Wir leben zur Zeit nunmal nicht in einer Zeit in dem man sich den absoluten Niedergang der Wirtschaftsstrukturen und den Verlust der kreativen Klasse leisten kann. Das geht erst, wenn man mit den regionalen Wirtschaftskreisläufen mal ernst gemacht hat.

Und nun zu dem was sich so liest wie mancher Erguss von Verschwörungstheoretikern: Harvey meint halt, dass die Immobilienblasen/der Immobilienboom dafür genutzt wird um Bürger durch Kredite Abhängig und gefügiger zu machen. Mag ja was dran sein, ich glaube aber nicht dass man sich von solchen Interpretation in seinem planerischen Handeln leiten lassen sollte. Der Wunsch nach einem Eigenheim ist da, ob er nun eingeflüstert wurde oder natürlicherweise entstand und das sollte man zumindest akzeptieren und nicht per se verteufeln. Dass man planerisch aus volkswirtschaftlichen Überlegungen und Gründen der Nachhaltigkeit dennoch dagegen anarbeiten sollte, ist selbstverständlich. Aber nicht um gegen das Kapital anzuarbeiten. Wegen manchen Tätigkeiten des Kapitals sind wir da wo wir sind.

Aber ja. Man muss sich ziemlich genau überlegen wann es an der Zeit ist dass man aussteigt. Bloß: Was ist der Indikator.

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